ROMANTIK, REALISMUS, REVOLUTION. Das 19. Jahrhundert.

Am Tag des offenen Denkmals, am 11.9.11 ist der Untere Hardthof für Besucherinnen und Besuche von 10.00 bis 18.00 Uhr geöffnet. Führungen über das Gelände des Hardthofs finden um 11.00, 12.00 und 15.00 Uhr statt.

 In der Galerie des Unteren Hardthofs wird eine Ausstellung historischer Relikte und Dokumente des Hardthofs gezeigt, und in und vor der Galerie gibt es Kaffee und Kuchen, wie schon damals serviert.

 

Der Verein Unterer Hardthof in Gießen lädt ein

Die industriellen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts und die dadurch entstehenden neuen Ansprüche an Lebensqualität brachten neue Bauaufgaben hervor – u.a. Bahnhöfe, Fabrikgebäude, Wassertürme und auch Brauereien. Man bemühte sich, alle noch so profanen Gebäude nicht nur nach der jeweiligen Funktion, sondern auch nach ästhetischen Gesichtspunkten auszuschmücken und bediente sich dazu historischer Vorbilder von Burgen und Schlössern, Kirchen und Kathedralen. Im gründerzeitlichen Historismus verwendete man alle historischen Stile gleichzeitig, oft sogar vermischt an einem Bau.

Der Untere Hardthof lag im 19. Jahrhundert weit außerhalb der Stadt jenseits der Lahn am Rande der Hardt. Eine schon Mitte des Jahrhunderts hier bestehende Brauerei wurde in der Gründerzeit durch eine heute noch bestehende Malzdarre mit Speicher (1868) sowie kleine Verwaltungsgebäude (1873,1878) ergänzt. In der Folge erweiterte der Besitzer Friedrich Textor den Brauereikomplex und erbaute auch das oberhalb der Brauerei gelegene Ausflugslokal „Textors Terrasse“ (heute Jugendherberge). Nach dem Tode Textors (1892) erwarb Georg Bichler die Textor-Brauerei und erweiterte und modernisierte sie in den Jahren 1898 bis 1905 erheblich. Neben der ehemaligen Malzdarre sind es vor allem die um 1905 erbauten Gebäudeteile, die heute das Gesamtbild prägen. Besonders das turmartige Sudhaus und die ähnlich gestalteten Aufbauten auf dem mächtigen Eiskeller wirken durch ihre zweifarbigen, stark gegliederten Klinkerfassaden auch auf große Entfernung. Hauptcharakteristikum sind die dekorativen, rot abgesetzten Klinkermotive, die romantische Burgassoziationen hervorrufen, aber auch schon den Jugendstil ahnen lassen. Nachdem Georg Bichler auch den Oberen Hardthof erworben hatte, ließ er dort kurz nach der Jahrhundertwende den markanten Wasserturm im gleichen historistischen Stil erbauen.

 

Von 1890 bis 1924 war die Brauerei Textor mit ihren großzügigen Anlagen ein Freizeittreffpunkt für Gießener Bürger und Besucher aus der Umgebung. Allerdings überstand die Brauerei die Krisenjahre nach dem 1. Weltkrieg nicht: 1924 übernahm die Stadt Gießen die Anlage und verpachtete sie an die Universität als Versuchsgut. Im folgenden halben Jahrhundert verfielen die nur teilgenutzten Gebäude allmählich. Anfang der 70er Jahre wurde ein Abbruch der ehemaligen Brauereigebäude erwogen. Doch schaffte es die 1976 entstandene „Interessengemeinschaft Unterer Hardthof“, ein Zusammenschluss von Künstlern und Kulturschaffenden, Stück für Stück des Komplexes in Erbpacht zu übernehmen und für neue Nutzungen auszubauen. Trotz großer Eingriffe (Abriss der vorderen, den Hof abschließenden Gebäudezeile für den „Gießener Ring“) hat der Untere Hardthof seine Atmosphäre insgesamt bewahren können. Er wurde wegen seiner wirtschafts- und technikgeschichtlichen Bedeutung und seinem hohen Erinnerungswert für die Gießener Bevölkerung als Kulturdenkmal eingestuft. Dies umfasst sämtliche noch erhaltenen Gebäude der historischen Brauerei, die unterirdischen Anlagen, die Kopfsteinpflasterung und den alten Baumbestand.

 

Der Untere Hardthof ist ein Beispiel dafür, wie sich in altem Gemäuer modernes Wohnen und Arbeiten verwirklichen lässt. Die Eigentümer haben die Denkmalpflege als Herausforderung begriffen, die sich in dieser Form nur im spannungsreichen Umfeld einer alten Industrieanlage entwickeln konnte – zwischen Romantik und Realismus auch im 21. Jahrhundert.

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